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Ursprung der Kirchengemeinde und Bau der Kirche

Im Jahre 1899 feierte die Kirchengemeinde Weene das 400-jährige Bestehen ihrer Kirche. Die genaue Kenntnis des Baujahres der wuchtigen Kirche an der Straße von Schirum nach Neermoor glaubte man dem Pastor Arnold Wesseling zu verdanken, der anlässlich von Reparaturarbeiten am Kirchengebäude im Jahre 1616 den steinernen Altartisch durch den Maurermeister Herman Broerß öffnen ließ und dabei einige Schriftstücke fand. Er überlieferte den Fund im ältesten Kirchenrechnungsbuch des Weener Pfarrarchivs:

"Ithem dorch den Mauermeister domalsen dat Altar Inth Midden von Vorenan laeten openen /dar dat kliene itipgaett hinder dem Schavotte noch vorhanden ist/ und etzlieche reliquias sanctorum offe avergeblevene Brocken uth dem avergelaubischen Paestthuem befunden, darunter die patronus huis Ecclesiae geschreven mit diesen worden:

Caput huius Templi Sanctus

NICOLAUS

Die Fratres offe Moncke, welche diese Kerke consecrirt und ingeweyet hebben und int welchem Jahre Id geschehen, darvan sick deser Bericht up ein klien pappir geschreven:

 

Consecrata est haec Ecclesia

per venerabilem Dominum Albertum Scholae Dei

Anno M.CCCC.XCIX.

Et consecrata est per venerabilem Wilhelmum,

Sacerdotem et Monachum monasterii

de reliquiis sacrorum et lectione thebeorum

 

Geschreven von my Arnoldo Wesselingh dener am Wordt Gottes wie bavensthett."

 

Die lateinischen Texte geben wieder, dass "der Patron dieser Kirche der Heilige Nicolaus" ist und "diese Kirche am Jahre 1499 durch den ehrwürdigen Herrn Albert von der Schola Dei [d.h. Kloster Ihlow] sowie durch den ehrwürdigen Wilhelm, Priester und Mönch des Klosters [zu Ihlow] geweiht" worden war. Seit dieser Entdeckung nahm man das Jahr 1499 als Baujahr der Kirche an.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckte man - vermutlich im Zusammenhang mit der Ergänzung des durch Glockenablieferung im Ersten Weltkrieg reduzierten Geläuts - auf der der Gemeinde verbliebenen Glocke von 1669 die Inschrift: In nomine Jesu hebben de van Werner Caspel my laten geten anno domini M.D.C.L.XIX. Stunt zuvohren darup 1451 Maria bin ick geheten, die van Wehne heben my laten geten.

In der kurzen Geschichte der Glocken, die in einem Faltblatt anlässlich der Glockenweihe der Kirchengemeinde Weene am 15. Februar 1925 veröffentlich wurde, hat man aus dem Fund gefolgert: "Ist unsere Kirche 1498 erbaut, hat sie also 50 Jahre früher eine gewiß kleinere Vorgängerin gehabt." Daraufhin feierte man 52 Jahre nach der Vierhundertjahrfeier in einem Festgottesdienst am Sonntag, dem 18. November 1951, das 500-jährige Bestehen der Kirchengemeinde Weene.

Sowohl die Kirchengemeinde Weene als auch der Kirchenbau sind bedeutend älter. Es lässt sich aber weder ein Gründungsjahr der Gemeinde noch ein genaues Baujahr der Kirche angeben. Der erste Bau der Kirche aus Backsteinen wird in die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts zu datieren sein, in eine Zeit also, in der eine große Zahl der ostfriesischen Dorfkirchen errichtet wurde. Allerdings sind nach zahlreichen Um- und Anbauten sowie Reparaturen von der ursprünglichen Bausubstanz nur noch Teile der Südwand und des westlichen Abschnittes der Nordwand erhalten geblieben. Beispielsweise wurde unmittelbar vor 1499 ein polygonaler (vieleckiger) Chorraum angebaut, dessen Weihe im Jahre 1499 auf dem im Alter gefundenen Schriftstück dokumentiert wurde.

Wie bei Ausgrabungen im Zuge der großen Kirchenrenovierung von 1964 bis 1966 festgestellt wurde, hatte die Kirche im Mittelalter auch einen Chorraum im Westen, war also zweichörig. Der Chor im Osten war nach Angaben aus dem Jahre 1765 viel niedriger als das Kirchenschiff und maß 6,04 m in die Länge und 7,48 m in die Breite. Die Kirche ist heute ohne diesen Anbau, der 1890 durch eine halbrunde Apsis ersetzt wurde, 28,63 m lang und 10,22 m breit. Bei diesen Maßen ist der Nordgiebel aus dem Ende des 19. Jahrhundert nicht berücksichtigt.

Die Besonderheit des Kirchortes Weene besteht darin, dass er keine bäuerliche Siedlung darstellt, die sich irgendwann eine Kirche gebaut hat. Hier wurde umgekehrt die Kirche auf einem unbesiedelten Platz zwischen Schirum und Ostersander errichtet, und zwar auf einer Warf unmittelbar südlich vom Krummen Tief, das die Grenze zwischen diesen beiden Dörfern bildet; der Kirchort gehört also zur Gemarkung Ostersander. Die Kirche stand ursprünglich isoliert da, erst im Laufe der Jahrhunderte kamen weitere Gebäude hinzu.

Die Kirchengemeinde Weene umfasst in den ersten Jahrhunderten die Dörfer Schirum, Ostersander und Westersander. Obwohl die genaue Entstehungszeit dieser drei Orte unbekannt ist, kann davon ausgegangen werden, dass Schirum die ältere Siedlung ist und die beiden -sander-Orte südöstlich des Krummen Tiefs Ausbausiedlungen des alten, nordwestlich des Wasserlaufs gelegenen Dorfes Schirum darstellen, das seinen Bevölkerungsüberschuss dort angesiedelt hat. Vermutlich ist die Gründung der Dörfer Ostersander und Westersander von Schirum aus bereits in der Ausbauperiode des frühen Mittelalters erfolgt.

Beide Orte sind in einiger Entfernung von der ehemals stark versumpften und überschwemmungsgefährdeten Talniederung des Krummen Tiefs auf flachen Sandrücken angelegt worden. In dem Grundwort -sander kommt ihre Lage auf relativ trocknen Sandböden inmitten eines Feuchtlandgebietes zum Ausdruck. Die gemeinsame Entstehungsgeschichte der Dörfer Ostersander und Westersander wird noch in der Ostfriesland-Karte von David Fabricius (um 1592/1613) verdeutlicht, indem zwar beide Orte markiert, aber gemeinsam mit dem Namen "Sandel" bezeichnet sind. Auch Ubbo Emmius nennt im 45. Buch seiner "Friesischen Geschichte" den Ortsnamen "Sander" bei der Beschreibung eines Weges, den das Heer des Herzogs von Braunschweig in der Sächsischen Fehde von 1514 nahm.

Damit kann also gefolgert werden, dass alle drei Dörfer, Schirum, Ostersander und Westersander, bereits vor der Zeit um 1000 existiert haben. Der in der Siedlungsgeschichte begründete gemeinsame Ursprung, die aus diesem Grunde bestehenden engen familiären Beziehungen sowie das daraus resultierende Zusammengehörigkeitsgefühl werden dazu geführt haben, dass diese drei Dörfer ein Kirchspiel bildeten. Es gibt keine Anhaltspunkte, wann diese Gründung erfolgte. Sie könnte im 9. Jahrhundert stattgefunden haben, in das - allerdings in lückenhaften Ansätzen - das Netz der ostfriesischen Kirchspiele zurückreicht. In dieser Zeit dürfte schon eine ganze Reihe von Kirchen aus Holz errichtet gewesen sein, die häufig am Platz oder5 in der Nähe vorchristlicher Kultstätten entstanden sind.

Es ist recht wahrscheinlich, dass an der Stelle der heutigen Kirche ein kleinerer Vorgängerbau aus Holz gestanden hat. Bodenuntersuchungen, die von Archäologen in den Jahren 1965 und 1990 anlässlich der derzeitigen Renovierungsarbeiten durchgeführt wurden, lassen darauf schließen. Interessant ist noch die Frage nach der Wahl des Ortes für den Kirchenbau. Entscheidend ist dabei sicherlich gewesen, dass der gewählte Platz von den drei Dörfern des Kirchspiels zumindest etwa gleich weit entfernt war. Man nahm dabei offenbar eine Lage unmittelbar am überschwemmungsgefährdeten Krummen Tief in Kauf. Der Platz selbst könnte eine vorchristliche Kultstätte gewesen sein, wahrscheinlich im Vergleich zur unmittelbaren Umgebung etwas höher gelegen haben. In jedem Fall ist die Warf, auf der die Backsteinkirche (gegebenenfalls auch schon der Vorgängerbau aus Holz) erreichtet wurde, zum Schutz gegen Überschwemmungen aufgeschüttet worden.

Einer mündlich überlieferten Legende zufolge sollen die Bauern der drei Kirchspieldörfer zur Wahl des Platzes für ihren Kirchenbau ein Gespann Ochsen frei haben laufen lassen. Man habe dann den Ort für die Kirche gewählt, an dem sich die Ochsen zur Nacht niedergelassen haben. Als wahren Kern dieser Sage könnte man vielleicht die Suche nach einem möglichst trockenen, höher gelegenen Platz betrachten, den die Ochsen zur Nachtruhe wohl auch bevorzugt haben mögen.

Der Name Weene ist vermutlich von dem mittelniederdeutschen wien (=weihen, heiligen) abzuleiten, das sich in Ostfriesland zu "wen" entwickelt hat. Im Plattdeutschen spricht man noch heute von dem Ort als "Wenen". Weene dürfte demnach soviel wie "geweihte Stätte" bedeuten. Die Weihe hat der Ort nach dem Bau der Kirche erhalten. Gegebenenfalls könnte auch schon eine vorchristliche Kultstätte mit diesem Namen bezeichnet worden sein.

Der Backsteinbau wurde in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts mit Unterstützung des Zisterzienser-Klosters Ihlow errichtet, vielleicht sogar durch den dortigen Konvent angeregt, zumindest aber finanziell unterstützt und unter der Leitung der Mönche durchgeführt. Daraus ergab sich, dass das Kloster Ihlow das Kirchenpatronat in Weene besaß, also den dortigen Pfarrer bestimmen konnte und einsetzte. Es setzte wohl in der Regel keinen zu honorierenden Priester ein, sondern einen geweihten Mönch aus Ihlow, für dessen Lebensunterhalt sein Kloster sorgte und der diesem alle Einkünfte seiner Pfarrstelle abliefern musste, soweit sie überhaupt noch durch seine Hände gingen und nicht von dem Kloster Ihlow unmittelbar vereinnahmt wurden.

Das Patronat über die Kirche in Weene wird bis zur Säkularisierung des Klosters Ihlow im Jahre 1529 bestanden haben. Deshalb wurde der Anbau der Kirche im Jahre 1499, der sicherlich auch unter Beihilfe dieses Klosters errichtet worden war, vom Abt Albert von Ihlow sowie von dem Mönch namens Wilhelm, der zu dieser Zeit Pfarrer der Kirche in Weene war, geweiht.

 

 

Zeugnisse und Dokumente aus dem Mittelalter

 

Neben den Teilen der Kirchenmauer, die noch in ihrer ursprünglichen Bausubstanz aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts erhalten sind, ist auch der Glockenturm der Kirche in Weene in seinem Kernbestand noch ein Zeugnis aus der Zeit des Mittelalters.

Die Kirche selbst ist turmlos, der Glockenträger steht in einiger Entfernung abseits und besteht aus vier parallel nebeneinander errichteten Mauern, zwischen denen die drei Glocken des Weener Geläuts hängen. Die Stirnseiten der Mauern sind durch Rundbögen miteinander verbunden, die äußeren Mauern haben jeweils Giebel für das Satteldach. In der Mitte der Langseiten der beiden inneren Parallelmauern ist eine niedrige Quermauer zur Verspannung errichtet. Dieser besondere Typus des Glockenturms, der so genannte Parallelmauerturm, ist im Auricherland relativ verbreitet. Als Entstehungszeit dieser Backsteinbauten wird die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts angenommen, also dürfte das Weener Glockenhaus bald nach dem Bau der Kirche errichtet worden sein.

Das Mauerwerk des Turmes, die zahlreichen in ihm verankerten Eisenklammern sowie nicht zuletzt die in großen eisernen Ziffern an der Westseite zum Fußweg angebrachte Jahreszahl 1855 und die auf einen besonderen Stein gemeißelte Jahreszahl 1925 zeigen deutlich, dass im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Ausbesserungen erforderlich waren, um der sowohl durch den bisweilen unsicheren Untergrund als auch durch die starken Erschütterungen beim Läuten der Glocken drohenden Einsturzgefahr entgegenzuwirken.

Im Weener Gotteshaus selbst befinden sich auch noch einige kirchliche Ausstattungsstücke aus der katholischen Zeit vor der Reformation. Es handelt sich dabei um drei geschnitzte Holzplastiken gotischen Stils, ein Kruzifix, ein Vesperbild und eine Anna selbdritt. Es kann davon ausgegangen werden, dass alle drei Bildwerke für die Kirchengemeinde Weene geschaffen wurden und zumindest in der katholischen Zeit die Kirche geschmückt haben. Inwieweit sie dann der Bilderverdrängung nach der Reformation zum Opfer fielen und in welchen Zeiten sie vielleicht auf Dachböden ein Schattendasein fristeten, ist nicht genau bekannt. Im Jahre 1897 wurden sie jedenfalls auf dem Pfarrhausboden aufgefunden und wieder in den Kirchenraum eingefügt.

Das Kruzifix, eine Darstellung von Christus am Kreuz, ist wahrscheinlich die älteste der drei Weener Plastiken; sie wird in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, eher um 1390, datiert und ist westfälischer Herkunft. Das Kreuz ist 125 cm hoch und 75 cm breit, der Körper Christi hat eine Höhe von 75 cm. Die gesamte Figur ist aus Eichenholz gefertigt.

Der gekreuzigte Christus hängt an einem Astkreuz, den Kopf mit der Dornenkrone leicht nach rechts geneigt, den Blick gesengt.. Das Lendentuch hat ein doppelseitiges Gehänge und bedeckt auch das rechte Knie. Die Figur hat in jüngerer Zeit, vielleicht nach der Wiederentdeckung 1897, eine Übermalung erhalten, bei der das Lendentuch mit Goldbronze überstrichen wurde.

Im Jahre 1897 wurde das Kruzifix vor einer spätmittelalterlichen Altarrückwand mit holzgeschnitztem Faltwerk an der vom Eingang aus betrachtet linken Wand des Kirchenschiffes wieder aufgestellt und stand nach dem Umbau in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bis 1993 hinter dem Altartisch im Chorraum. Die Beschädigung der Figur - es fehlten alle Finger und der linke große Zeh - sind in den sechziger Jahren ausgebessert worden. Seit Ende 1993 hängt das Kruzifix gegenüber der Kanzel an der Nordwand der Kirche.

Ein Vesperbild zeigt die thronende Gottesmutter mit ihrem toten leichenstarren Sohn auf dem Schoß. Es ist das schmerzvolle Gegenbild zu der weihnachtlichen Darstellung der thronenden Maria mit dem kleinen Jesuskind. Im Vesperbild wird insbesondere dadurch, dass die junge trauernde Mutter den gekreuzigten Jesus, oftmals kindhaft klein dargestellt, auf dem Schoß hält, symbolhaft zum Ausdruck gebracht, dass Maria vorausschauend bereits im Kinde den Gekreuzigten sieht. Der Begriff Vesper, der ja auch einen Abendgottesdienst bezeichnet bezieht sich auf die Tageszeit des Geschehens, das dargestellt wird.

Das aus Eichenholz geschnitzte Vesperbild in der Kirche zu Weene ist etwa 77 cm hoch. Maria sitzt mit schmerzhaftem Gesichtsausdruck auf einer einfachen hölzernen Bank und hält mit der rechten Hand den Leichnam ihres Sohnes im Schoße aufgerichtet. Oberkörper und Kopf der Mutter sind etwas nach rechts gedreht, so dass sie in das aufwärts gerichtete Antlitz des Sohnes blicken kann. Der knabenhaft wirkende Körper Christi liegt mit Knickungen in Hüfte und Kniebeugen in diagonaler Erstreckung. Der rechte Arm hängt furchtbar ausgestreckt senkrecht herab, die linke Hand liegt mit der Handfläche nach oben gekehrt auf dem Unterarm Marias. Die Seitenwunde ist weit geöffnet, und herausgequollenes Blut bedeckt zum Teil das Lendentuch.

Maria trägt ein anliegendes Obergewand - in die gut sichtbare kreisförmige Vertiefung war ehemals ein Edelstein eingelassen-, ein Kopftuch und einen weiten in sanften Schwingungen mit schlängelnden Säumen herabfallenden Mantel. Das weite Gewand ist durch tiefeingeschnittene Schüssel- und Röhrenfalten wirkungsvoll drapiert.

Trotz der leidensvollen Miene Marias und der durchaus grausigen Darstellung des Leichnams Christi herrschte in dem Weener Vesperbild doch eine gemäßigtere Gesamtstimmung vor als in entsprechenden Bildwerken früherer Zeit. Dieser Eindruck wird durch die ruhigen Klänge der Farbgebung unterstützt, wobei jedoch die moderne Bemalung (evtl. nach 1897 vorgenommen) das Antlitz der Maria entstellt und störend ist. Etwas unfachmännisch ist auch die linke Hand Marias ergänzt.

Die Formgebung des Vesperbildes spricht für eine Entstehungszeit gegen Ende des 14. Jahrhunderts. Nach Vergleichen mit ähnlichen Werken ist die Herkunft aus Westfalen wahrscheinlich. Es könnte damit eine Verbindung zum Kruzifix bestehen. Vielleicht wurden beide Werke zur gleichen Zeit oder das Vesperbild bald nach dem Kruzifix in der gleichen Werkstatt in Auftrag gegeben.

Das Vesperbild, das mit der Darstellung des Gekreuzigten in kindhafter Haltung auf dem Schoß der Maria eine Zusammenschau von Anfang und Ende der Lebens- und Leidensgeschichte Christi präsentiert, sozusagen den Bogen von Weihnachten zum Karfreitag zieht, wird als Andachtsbild in der Zeit bis zur Reformation einen besonderen Stelenwert in der Weener Kirche gehabt haben.

Es ist zum einen ein Zeichen für die tiefe Religiosität der meisten Menschen, denen gerade solche Andachtsbilder mit ihrem komprimierten, symbolhaften Aussagegehalt und ihren ausdrucksstarken Elementen zur Verinnerlichung der Leidensgeschichte Christi und der druckstarken Elementen zur Verinnerlichung der Leidensgeschichte Christi und der christlichen Botschaft dienten, zum anderen auch ein Hinweis auf die Verehrung, die in dieser vorreformierten Zeit der heiligen Maria entgegengebracht wurde. Die Bedeutung der Marienverehrung zeigt sich in Weene schließlich auch in der Namensgebung für die 1451 gegossene Glocke, die die Aufschrift "Maria bin ick geheten" hatte.

Die dritte Holzplastik in Weene, die Statue der Anna selbdritt, stammt aus der Zeit um 1500, also noch vor der Reformation. Sie ist ebenfalls aus Eichenholz und misst 86 cm. Mit dem Titel Anna selbdritt bezeichnet man eine Darstellung der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben. In der Regel trägt die heilige Anna ihre Tochter Maria auf dem Schoß und diese wiederum des Christusknaben auf dem Arm, oder Maria und das Jesuskind sitzen links und rechts auf ihrem Schoß. Im Weener Exemplar sitzt Maria, eine Krone tragend, auf einem einfachen Thron, dessen Seitenbretter mit Falkwerk verziert sind, und hält das Jesuskind auf dem rechten Knie. Die Mutter Anna steht hinter dem Thron.

Nachdem das Bildwerk 1897 in der Kirche in einem Ensemble mit den beiden anderen Plastiken an der südlichen Kirchenwand wieder aufgestellt worden war, stürzte es zu Beginn des 20. Jahrhunderts ab und zerbrach. Ein Bauernknecht schnitzte daraufhin ein neues Jesuskind sowie die Hände der Maria und Der Mutter Anna. Der Kunsthistoriker Günther Robra stellt dazu abschließend fest: "Diese "Wiederherstellung" und die entstellende Bemalung haben die Gruppe sehr verdorben."

Ende des 19. Jahrhunderts wurde der polygonale gotische Chor von 1499 durch eine halbrunde Apsis ersetzt und diese im Rahmen der Instandsetzung der Kirche in den Jahren 1964 bis 1966 erneuert. Erhalten blieb dabei aber vorn im Chorraum an der klinken Seite eine kleine Wandnische mit gotischem Spitzbogen, die beim Anbau von 1499 entstanden sein wird und als kleines Sakramentshaus diente.

Neben diesen baulichen Überresten und Kunstwerken aus dem Mittelalter gibt es nur wenige schriftliche Quellen aus der vorreformatorischen Zeit, die Hinweise zur Geschichte der Kirchengemeinde geben.

Im Jahre 1420 wird die Kirchengemeinde Weene erstmals urkundlich erwähnt, und zwar in einem Bremer Dekanatsregister, dem so genannten Stader Copiar, in dem die kirchliche Einteilung und die einzelnen Kirchspiele der Diözese Bremen verzeichnet sind. Weene gehörte zusammen mit dem Norden und Osten Ostfrieslands zum Bistum Bremen. Aus dem Verzeichnis geht hervor, dass die Kirche zu Weene (in der Schreibweise des Registers: Wene) neben vier weiteren Kirchen des Auricherlandes (Wiesens, Westerende, Barstede, Bangstede) der Sendkirche zu Aurich unterstellt war. Der gesamte Sendgerichtssprengel wiederum unterstand neben den entsprechenden Bezirken des Norderlandes und des Harlingerlandes dem Bremer Domscholaster, d.h. dem Vorsteher der Domschule (und ggf. Bibliothekar) zu Bremen flossen die Einkünfte aus diesen Kirchen  zu.

Am Ende einer Urkunde vom 3. April 1438, mit der sich das Auricherland unter den Schutz der Häuptlinge Edzart und Ulrich von Norden und Greetsiel und des Wibet von Esens begibt, wird auf den "heren Alberte kercheren to Wene" und den Pfarrer von Aurich sowie den Pfarrer von Holtrop verwiesen, die zur Bekräftigung des Vertrages für die Einwohner des genannten Gebietes ihre Siegel anfügten. Dieser Albert ist der erste namentlich genannte Pfarrer der Kirche zu Weene; vermutlich ist er Mönch des Klosters Ihlow gewesen. Sein Siegel unter der Urkunde zeigt in gotischer Nische einen Geistlichen der in der linken einen Krummstab hält und mit der Rechten segnet, und enthält die Aufschrift: "S. domini Alberticurati in Wenum" (Siegel des Herrn Albert, des Amtsverwalters in Weene). Der Weener Pfarrer Albert untersiegelte auch eine Urkunde vom 1. Februar 1441.

 

 

Die Kirchengemeinde Weene nach der Reformation

Die durch die Veröffentlichung der Thesen Dr. Martin Luthers im Jahre 1517 ausgelöste theologische Diskussion, welche die Reformation einleitete, griff recht bald nach Ostfriesland über. In den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts sickerte nach und nach die reformatorische Theologie in diese Region ein, indem vereinzelt Geistliche Predigten im Sinne Luthers zu halten begannen. Allerdings trugen in der Folgezeit immer wieder auch niederländische Flüchtlinge ihre besonderen Lehren nach Ostfriesland.

Wann die Kirchengemeinde Weene mit der lutherischen Lehre in Berührung kam und wie diese dort aufgenommen wurde, darüber gibt es keinerlei Informationen. Das in dieser Hinsicht einschneidendste Ereignis war jedenfalls die  Säkularisierung und Auflösung des Klosters Ihlow im Jahre 1529, wodurch die Kirche zu Weene den Inhaber ihres Patronats verlor, der ja ihren Pfarrer einsetzte und überwachte.

Der letzte Ihlower Abt Antonius van Senden hatte diese Veränderung eingeleitet, indem er 1529, angeblich freiwillig, als erster das Kloster verließ und evangelische Prediger zu Larrelt wurde. Nachdem der Abt ausgetreten war, folgten die Mönche seinem Beispielt und verließen das Kloster. Sie wurden von den Grafen Enno und Johann abgefunden, unter anderem mit Jahrgeldern und Pfarrstellen.

Der Klosterbesitz in Ihlow wurde Herrensitz und Domäne. Im Jahre 1612 wurde auf dem Gelände ein Jagdhaus errichtet, das 1756 größtenteils abgerissen und in ein Jägerhaus verwandelt wurde. Auf der Stelle, wo die Klosterkirche gestanden hatte, wurde ein Bauernhaus gebaut, das Vorwerk, das von den ostfriesischen Fürsten und später vom preußischen König in Erbpacht ausgegeben wurde. Das Gut Ihlow wurde nach der Reformation nach Weene eingepfarrt; der ostfriesische Landesherr wurde als dessen Besitzer Interessent der Gemeinde Weene, pflegte aber, wie auch andernorts üblich, von seinem Stimmrecht keinen Gebrauch zu machen.

Hatte zur Zeit der Reformation einer der Mönche die Pfarrstelle zu Weene inne, so wird er vermutlich nach 1529 seinem Abt und den Mitbrüdern folgend zur evangelischen Lehre übergetreten sein. Möglich wäre auch, dass er eine Abfindung erhielt und die Pfarrstelle in Weene aufgegeben hat. Wie der Wechsel zum lutherischen Bekenntnis nun genau vonstatten ging, ist nicht belegt. Man wird davon ausgehen dürfen, dass er in den Jahren unmittelbar nach der Auflösung des Klosters Ihlow stattfand. Mag er in personeller Hinsicht deutlich erfolgt sein, indem vielleicht auch ein neuer Pastor zu dieser Zeit eingesetzt wurde, so hat sich der Wandel im Gottesdienst und im kirchlichen Alltag sicher langsam vollzogen.

Der erste Pastor nach der Reformation, der namentlich bekannt ist, hieß Henricus Kruse und ist für die Jahre 1543 und 1545 als lutherischer Prediger in Weene bezeugt. Es wäre durchaus denkbar, dass er bereits nach der Säkularisierung des Klosters Ihlow und er damit verbundenen Umstrukturierung der kirchlichen Verhältnisse in Weene sein Amt erhielt. Der Name des Pastors Henricus Kruse wird im Zusammenhang mit Baumaßnahmen genannt: Im Jahre 1543 wurde die nördliche Kirchenwand von Grund auf neu aufgemauert; an den Tagen um Johannes den Täufer (24. Juni) 1545 wurde die Pastorei zu Weene mit Dachziegeln eingedeckt.

Als Pastor von Weene ist in den Jahren 1564 und 1565 Siebrand Stelling bezeugt. Im August 1564 ist er genannt, als „de Kloeck Thoeren Neyes mitt Daek unde de Westerste Gevell Neyes upgemuerett unde vorbeterdt“ wurde. Am 6. Mai 1565 wurde unter Mitwirkung Siebrand Stellings das Weiderecht für das Vieh des Pastors und des Küsters zu Weene schriftlich geregelt: „Des Patores Koye unde Junge Beeste sampt des Kosters Koye“ sollten demnach neun Jahre lang auf der Ostersander Mark, danach sechs Jahre lang auf der Schirumer Gemeindeweide geweidet werden und dann im Wechsel so fort, wie es nach Angaben der Niederschrift seit alters her üblich gewesen war. Des Pastors Pferde und Schweine dagegen sollten stets im Ostersander Brook gehalten werden. Am Schluss heißt es: „Dattsulvige hebben de Amptluede alse Hinderich van Lengen Droste unde Otto de Weendt Amptschriver tho Auwrigk in Tegenwardigheitt aller Oistersander Bhueren undt Sibrandi Stellingck Pastoren dar in Vulmaght erkennett. Anno dusend Veiffhunderdt Viff unde sestigh den sesten dagh Maji.“

Von 1590 bis 1597 war Johann Drentwede Pastor in Weene. Mit ihm beginnend kann die Reihe der Seelsorger dieser Gemeinde lückenlos mit Angabe ihrer Amtszeit präsentiert werden. Sein Nachfolger Jacob Drentwede kam 1598 aus Aurich-Oldendorf nach Weene. Er hat im Jahre 1600 das erste Kirchenrechnungsbuch angelegt, in das er anfangs ebenfalls Notizen aus früherer Zeit einfügte, die ihm offenbar in schriftlicher Form in der Pastorei vorgelegen haben. Dadurch haben sich die Nachrichten über die bereits erwähnten Pastoren Kruse und Stelling erhalten. Ebenso hat er, wie sein Vorgänger es bereits 1596 begonnen hatte, Kontrakte und Testamente von Gemeindemitgliedern in ein gesondertes Protokollbuch (Copialbuch) geschrieben, d.h. kopiert.

Am 11. Januar 1611 wurde Jacob Drentwede als Pastor nach Aurich berufen. Er schloss aus diesem Grunde zu Ostern 1611 mit seinem Nachfolger in Weene namens Arnold Wesseling einen Vertrag, in dem vereinbart wurde, dass an Drentwede eine Abstandszahlung in Höhe von 10 Reichtalern zu leisten sei und dieser an Pastor Wesseling „Twe Junge guede Koye, de alse Iseren Koye by de Keerke schoelen erholden bliven“ zu übergeben habe. Diese so genannten „Eisernen Kühe“ waren der Bestand an Vieh, der mitsamt dem Pfarrhaus und bestimmten Inventar von einem Inhaber der Pfarrstelle immer an den folgenden überging und mit dem dieser dann wirtschaften konnte. Jacob Drentwede starb im August 1620 in Aurich an der Pest.

Arnold Wesseling begann seine Tätigkeit in Weene mit einigen Bauvorhaben. Bereits 1611 wurde eine Sonderumlage in der ganzen Gemeinde vorgenommen und die Geldsumme „Zu der Nyen Beheusungh angelegt“, d.h. für einen Neu- oder Umbau der Pastorei verwendet. Außerdem wurde 1616 die Nordmauer der Kirche repariert und alle Innenwände wurden neu gestrichen. Bei dieser Gelegenheit ließ Pastor Wesseling den steinernen Altartisch öffnen und fand dabei die in Kapitel 1 bereits erwähnten Schriften.

In der Amtszeit Wesselings fiel die erste Phase des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). In Ostfriesland wurde zwar nicht gekämpft, aber das Land wurde jahrelang von fremden Truppen ausgezehrt, die hier Quartier nahmen. Von Ende November 1622 bis Anfang des Jahres 1624 hielt sich der im Auftrage der niederländischen Generalstaaten stehende Söldnerführer Ernst von Mansfeld mit seinen Truppen in Ostfriesland auf. Der Historiker Wiarda bilanziert das Wirken dieser Truppen: „Die Mansfeldische Invasion, der Muthwille, die Habsucht, und die Grausamkeit der Officiere und Soldaten haben diese Provinz so verwüstet, dass sie sich in vielen Jahren nicht hat erholen können.“

Die Mansfelder Truppen suchten auch das Kirchspiel Weene heim, wie verschiedene Quellen bezeugen. Pastor Arnold Wesseling schreibt, dass er die zwei „eisernen Kühe“ der Pastorei vor dem Zugriff der Mansfelder nur mit äußerster Gefahr gerettet habe und aus Mangel an Futter für 20 Taler in Emden habe verkaufen müssen. Die Hälfte dieses Geldes habe er verwendet zur Ausbesserung der Pastorei, für junge Apfelbäume und zum Kauf eines neuen Wagens, „so de Gemeine einem Manßfeltischen Capitain, Caspar Mißgefall“ habe abliefern müssen. Die übrigen 10 Taler zahlte Wesseling im Jahre 1625 an seinen Nachfolger aus.

In der Kirchenrechnung der Gemeinde Weene von 1623 sind weder Einnahmen noch Ausgaben verzeichnet. Die Kirchgeschworenen teilten für dieses Jahr lediglich mit, dass sie wegen des „Mansfeldischen Kriegswesens“ und weil viele Leute ausgeplündert oder verstorben seien, nichts hätten einnehmen oder aufheben können. Wiarda schreibt, dass dem Rentei-Register des Auricher Amts zufolge nach 1625 von vielen Häusern nur noch die Brandstellen übrig waren, wo das Haus gestanden hatte; zahlreiche Häuser waren niedergerissen oder standen unbewohnt. Nach seiner Aufstellung lagen 1625 in Schirum neun Häuser und in Ostersander drei Häuser zerstört. Im Protokoll der Kirchenvisitation vom 8. Juli 1629 heißt es zu den Einkünften der Armenkasse: „sind ganz ungewieß wegen der entledigten Plazen“. Demzufolge lagen einige Hofstellen in den Dörfern des Weener Kirchspiels über mehrere Jahre hinweg brach.

In ganz Ostfriesland waren bereits nach der knapp 14-monatigen Besatzungszeit der Mansfelder die Verluste an Menschen, Gütern und Gebäuden erheblich. Von Ende 1627 bis Frühjahr 1631 kamen Soldaten der katholischen Liga, im August 1637 brachte der Landgraf Wilhelm von Hessen in niederländischem Auftrag seine Truppen nach Ostfriesland, die sich dreizehn Jahre lang, d.h. sogar bis über den Westfälischen Frieden hinaus, hier aufhielten. Durch die langandauernden Besatzungen hat das Land schwer zu leiden gehabt und der Dreißigjährige Krieg schließlich den Wohlstand der Grafschaft Ostfriesland vernichtet.

Pastor Arnold Wesseling wurde zu Pfingsten 1625 von Weene nach Riepe berufen, wo er als Prediger dieser Gemeinde im Oktober 1644 starb. Sein Amtsnachfolger in Weene war Johann Ruvius, der zuvor Pastor in Breinermoor gewesen war. Er verstarb im Jahre 1634.

In der Reihe der Seelsorger der Gemeinde Weene folgte Gerhard Flesner, der von 1634 bis 1671 amtierte. Er ist der erste der Weener Pastoren, deren Herkunft und Familie genauer bekannt sind. Seine Kinder sind fast alle im Kirchspiel Weene ansässig geworden, und noch heute leben hier zahlreiche Nachkommen dieses Pastors.

Gerhard Flesner wurde etwa 1602/03 geboren. Sein Vater Christoph Henrich (oper Henricus) Flesner war Pastor in Wallensen bei Bodenwerder an der Weser (1599-1601) und später in Marx bei Friedeburg (etwa 1611-1616). Der Sohn Gerhard wurde etwa 1625 Pastor in Marx und kam von dort im Jahre 1634 nach Weene. Gerhard Flesner wurde am 12. September 1634 als Pastor von der Gemeinde angenommen und am 4. April 1635 in sein Amt eingesetzt. Er  und seine Ehefrau Rixta Johannis hatten, soweit bekannt, vier Söhne und eine Tochter, durch die sein Familienname im Weener Kirchspiel und mit der Zeit in ganz Ostfriesland und darüber hinaus verbreitet wurde. Noch heute ist der Name Flessner (bzw. Fleßner) besonders häufig in den Ortschaften der Kirchengemeinde Weene und in der näheren Umgebung anzutreffen.

Zu Beginn der Amtszeit Gerhard Flesners hatte die Kirche zu Weene keinen Abendmahlskelch. Der alte Kelch soll 1623 durch die Mansfelder verloren gegangen sein; und es scheint in der schweren Zeit des Dreißigjährigen Krieges über Jahre das Geld gefehlt zu haben, ein neues würdiges Gefäß anzuschaffen. Im Jahre 1645 erhielt die Gemeinde einen großen silbernen, innen vergoldeten Abendmahlskelch, der heute noch verwendet wird. Er ist 26 cm hoch, die Cuppa hat einen Durchmesser von 11 cm. Die Umschrift des Kelchs lautet: „HAJO . LUBBEN . HADT . DAS . WENER . KIRSPEL . DISEN . KELCK . IN . IHR . KIRCHEN . MACHEN . LASSEN . ANNO 1645. DEN 25 MARTIUS.“ Der Schaft ist glatt, der Fuß hat eine barocke Verzierung mit Früchten und Bändern. An den Goldschmied Albert Borchers zu Aurich wurden laut Kirchenrechnung zunächst 15 Taler, 6 Schaf und 10 Witt gezahlt und danach noch einmal „in sein machelohn zu dem Kelch geben 3 schlechte thaler“.

Zur Vervollständigung des Altargerätes stiftete Johannes Flesner, Barbier und Chirurg in Aurich, ein Sohn des Pastors Gerhard Flesner, aus Verbundenheit zu seiner Heimatgemeinde im Jahre 1669 eine silberne Oblatendose. Im Kirchenvisitationsprotokoll vom 25. März 1721 ist ihre Aufschrift erwähnt: „Johannis Gerhard Fleßner Anno 1669“. Die Oblatenschachtel, wie sie hier genannt wird, ist heute nicht mehr vorhanden. Neben einem kleinen silbernen Abendmahlskelch, der der Kirche 1742 von Weyert Siebends Woltzen aus Ostersander zur Privatkommunion geschenkt worden war, und einem silbernen Oblatenteller wurde sie bei einem Einbruch in die Pastorei im Jahre 1817 gestohlen.

Im Jahre 1651 ist im Kirchenrechnungsbuch unter den Einkünften erstmals der „armbeutel in der Kirchen“ erwähnt. Mit diesem Vorgänger des Klingelbeutels wurde allerdings nicht nur für die Armen der Gemeinde, sondern in diesem Fall „zur Verbesserunge der Kirchen gesamblett“. Das Klingelbeutelgeld kam das ganze Jahr über der Kirche zugute, ausgenommen das an den Festtagen gegebene Geld, das der Armenkasse zufiel. Fünf Jahre später zusätzlich ein schwerer, massiver, mit dicken Eisenscharnieren befestigter Opferstock aus Eichenholz (insgesamt 1,10 m hoch) angefertigt, der von einem holzgeschnitzten Ostfriesen in Landestracht getragen wird und auf dem die Jahreszahl 1656 eingraviert ist. Der „Kirchenblock“, wie er im Rechnungsbuch bei der Verzeichnung der in ihn eingeworfenen Spenden genannt wird, überstand alle Fährnisse und Restaurierungen der letzten Jahrhunderte und ist noch heute vorhanden. Der Kirchenbesucher erblickt ihn beim Verlassen des Gotteshauses auf der linken Seite vom Westausgang.

Zunächst scheint der Opferstock nicht hinreichend gesichert gewesen zu sein, denn im Kirchenrechnungsbuch wird 1663 erwähnt, dass der Kirchenblock bestohlen worden sei. Vermutlich ist erst danach der wuchtige Eisenverschluss montiert worden. Bei seiner Visitation im Jahre 1721 weist der Generalsuperintendent darauf hin, dass zwei besondere Schlösser an den Block angebracht werden müssten, von denen der ein Schlüssel beim Pastor, der andere bei einem Kirchenvorsteher aufbewahrt werden sollte. Es sollten dann beide zugleich das Geld herausnehmen, den Betrag feststellen und quittieren. Eine solche Hebung aus dem Opferstock geschah lediglich ein paar Mal im Jahr.

Ein großer, schrecklicher Sturmwind im Jahre 1662 verursachte erhebliche Schäden an der Kirche, am Glockenturm und an der Schule. Auch wurde des Pastors Scheune abgedeckt. Bei den Reparaturarbeiten fiel der „Leyendecker“ (Dachdecker) von der Kirche. Er überlebte den Sturz; damit er sich kurieren konnte, spendete der Barbier Johannes Flesner aus Aurich einen halben Reichstaler. Vielleicht wurde bei diesem Sturz auch die Marienglocke von 1451, eine von den drei Glocken des Weener Geläuts, beschädigt. Jedenfalls wurde sie einige Jahre später durch eine neue Glocke ersetzt.

Der aus Lothringen stammende Glockengießer Franciscus de la Paix goss 1669 in Weene eine große neue Glocke mit dem Durchmesser von 1,48 m. Sie erhielt die Aufschrift: „+In nomine Jesus hebben de van Wener Caspel my laten geten anno domini M.D.C.L.XIX. Stunt zuvohren darup 1451 Maria bin ick geheten + die van Wehne heben my laten geten. Franciscus de la Paix me fecit anno domini 1669.“ Daraus ergibt sich, dass diese neue Glocke statt der alten Marienglocke in das Geläut aufgenommen, vermutlich sogar aus dieser Glocke umgegossen wurde. Die Marienglocke war 1451 von Ghert Klinghe, dem bischöflichen Glockengießer zu Bremen, der in der Zeit von 1433 bis 1474 als bedeutendster Erzgießer Nordwestdeutschlands tätig war, geschaffen worden.

Die Glocke wurde in Weene in einem vor Ort aufgebauten Ofen gegossen. Pastor Gerhard Flesner notiert im Rechnungsbuch, dass bei dieser Gelegenheit auch für die Kirchengemeinde Aurich-Oldendorf eine „newe glocke bey Unß im ofen geschmoltzen und gegossen worden“ sei, wofür als Kostenbeitrag an die Weener Kirchenkasse 13 Gulden und 5 Schaf entrichtet wurden.

Die erheblichen Kosten für die neue Glocke in Höhe von 327 Gulden 9 Schaf waren für die Kirchengemeinde Weene nicht aus den laufenden ordentlichen Einkünften aufzubringen. Man hat daher die Gemeindeglieder zum einen um freiwillige Gaben gebeten, zum anderen eine außerordentliche Hebung vorgenommen. Im Kirchenrechnungsbuch ist im Einzelnen verzeichnet, „Waß von guthertzigen Leuten zu Vergiessung Unser glocken ist verehrt“. Unter den freiwilligen Spendern sind neben dem Pastor um dem Küster drei Kinder Gerhard Flesners zu finden, darunter auch wieder Johannes Flesner aus Aurich.

Daneben wurde in der „Extraordinari Zulage Wegen Unser grossen glocke zu vergiessen von einer jeden gantzen und halben platze“ jeweils der Betrag von 2 Gulden 7 Schaf erhoben. Diese Abgabe betraf die alten Dörfer der Gemeinde Schirum, Ostersander und Westersander, und auch hier nur die Herdbesitzer. Hierin spiegelt sich die restliche Struktur der Gemeinde, in der der Kreis der Inhaber von Rechten und Pflichten an der Kirche begrenzt war. Sowohl die Warfsleute in den genannten Orten als auch die Bewohner von Lübbertsfehn und Hüllenerfehn waren nicht zur Zahlung verpflichtet, einige von ihnen spendeten jedoch aus freien Stücken, wobei durchaus auch größere Beträge zu verzeichnen waren. Jeweils 100 Gulden wurden zur Finanzierung der „schönen großen Glocke“ aus der Armenkasse und von dem Heiligen Warf zu Schirum auf Zinsen genommen.

 

Rechtliche Strukturen und Einkünfte des Pastors und des Küsters

Die Kirchengemeinde Weene wurde von den drei Dörfern Schirum, Ostersander und Westersander gegründet. Die Besitzer der vollen und der halben Herde oder Plätze dieser Bauernschaften waren die alleinigen Stimmberechtigten in der Gemeinde. Sie wählen seit der Reformation, d.h. genauer nach der Auflösung des Klosters Ihlow, ihren Pastor und ebenso den Küster bzw. Schulmeister. Wenn eine der beiden Stellen neu zu besetzen war, dann bestimmten die Stimmberechtigten aus den eingegangenen Bewerbungen in der Regel drei Kandidaten (manchmal auch mehr), die sich der Gemeinde mit umfangreichen Proben ihres Könnens in den jeweiligen Aufgabenbereichen vorstellen mussten und dann zur Wahl standen. Die freie Pfarrwahl – das so genannte Interessentenwahlrecht, das 1599 durch landesherrliche Zusicherungen garantiert wurde – war ein Kernstück der Selbstständigkeit fast aller ostfriesischen Kirchengemeinden. Auf der anderen Seite trugen die Interessenten aber auch zur Besoldung des Geistlichen und des Küsters sowie zur Ausstattung und Erhaltung der Bauten ihrer Gemeinde.

Bei wachsender Bevölkerungszahl siedelten sich in den Dörfern zunehmend so genannte Warfsleute an, die am dörflichen Gemeindebesitz prinzipiell keinen Anteil hatten und nur geringe Nutzungsrechte zugesprochen bekamen. Entsprechend waren sie zunächst auch nicht an den regulären Rechten und Pflichten bezüglich der kirchlichen Gemeinde beteiligt. Die Kolonisten der im 17. Jahrhundert gegründeten Fehne Lübbertsfehn (1637) und Hüllenerfehn (1639), die auf Morastflächen der Ostersander bzw. Westersander Mark entstanden und daher nach Weene eingepfarrt wurden, befanden sich im Hinblick auf die Kirche zu Weene in der gleichen rechtlichen Situation. Die unterschiedliche Rechtslage zeigte sich z.B., wie bereits erwähnt, bei der Finanzierung der neuen Kirchenglocke im Jahre 1669. Im Sprachgebrauch wurde unterschieden zwischen der „Alten Gemeinde“, die die Dörfer Schirum, Ostersander und Westersander umfasste, und der „Neuen Gemeinde“, mit der die Fehn- oder Kolonistensiedlungen Lübbertsfehn, Hüllenerfehn und später auch Ihlowerhörn und Ludwigsdorf gemeint waren.

Das Einkommen des Pastors umfasste einerseits die Einkünfte aus den zur Pastorei gehörenden Ländereien, die der Prediger verpachten oder für eine eigene Landwirtschaft selbst nutzen konnte und andererseits verschiedene, im Einzelnen festgelegte Geld-, Natural- oder Arbeitsleistungen der Gemeindeglieder je nach ihrer rechtlichen Position.

Ursprünglich hatten die Besitzer eines vollen Herdes, d.h. die Interessenten mit einer ganzen Stimme bei den Wahlen, dem Pastor jährlich einen Vierdup Roggen (=2 Scheffel) und fünf Pfund Butter zu liefern; Inhaber eines halben Herdes zahlten die Hälfte, verfügten aber auch nur über eine halbe Stimme. Durch Verkauf und Vererbung, Teilung und Zusammenlegung von Herden – teils auch in Verbindung mit Warfstellen – ist es allerdings im Laufe der Zeit zu Veränderungen in den Zahlungsverpflichtungen gekommen.

Bis zum Jahre 1641 haben die Warfsleute und Tagelöhner im Kirchspiel Weene dem Pastor keinerlei Abgaben leisten müssen, obwohl sie am kirchlichen Leben teilnahmen und von seinen Diensten profitierten. Am 12. Dezember 1641 wurde nach gütlichem Einvernehmen mit den Weener Gemeindegliedern beim Generalsuperintendenten in Aurich festgeschrieben, dass „alle undt Jede Warffe undt Warffstetten, davon Leute zu Kirchen gehen“ dem Pastor jährlich ein Bund Flachs geben sollten; Tagelöhner, „so mit anderen eingeheuret, sollen dem Pastoren einen Tag in der Meede oder auf dem Acker zu meyen helffen, undt soll ihnen der Pastor Essen undt trinken geben bey der Arbeit.“

Anlässlich der Kirchenvisitation vom 2. August 1672 listete Pastor Christoph Friedrich Flesner die Einkünfte der Pastorei zu Weene genau auf und zwar wie folgt:

Aus Ostersander, das 9 ½ Herde hatte (ohne den Herd des Pastors und den halben Herd des Küsters gerechnet), erhielt der Pastor jährlich von 8 vollen Herden und 2 halben Herden je ein Vierdup Roggen und fünf Pfund Butter, von einem halben Herd ein Bund Flachs.
Aus Westersander, das 11 ½ Herde hatte, erhielt der Pastor jährlich von 9 vollen Herden je ein Vierdup Roggen und fünf Pfund Butter, von einem halben Herd einen Scheffel Roggen, zweieinhalb Pfund Butter und ein Bund Flachs, von einem halben Herd zweieinhalb Pfund Butter, von 3 halben Herden je zwei Bund Flachs.
Aus Schirum, das 19 Herde hatte, erhielt der Pastor jährlich von 11 vollen Herden je ein Vierdup Roggen und fünf Pfund Butter, von 3 halben Herden je ein Scheffel Roggen und zweieinhalb Pfund Butter, von einem halben Herd einen Scheffel Roggen, von 3 vollen Herden je zwei Bund Flachs, von 6 halben Herden je ein Bund Flachs.

Das ergab für den Pastor zu Weene eine Jahreslieferung von 8 Tonnen und einem Scheffel Roggen und von 162 ½ Pfund Butter aus den drei Dörfern. Eine Tonne (=200 l) entsprach etwa 300 Pfund Roggen; ein Vierdup (=50 l) war ein Viertel einer Tonne, ein Scheffel (= 25 l) wiederum die Hälfte von einem Vierdup. Außerdem erhielt der Pastor insgesamt 20 Bund Flachs. Ein Bund Flachs wog 2 ½ bis 3 ½ Pfund.

Die Warfsleute aus Schirum, Ostersander und Westersander waren nach den Angaben Christoph Friedrich Flesners von 1672 verpflichtet, dem Weener Pastor je einen Tag im Jahr bei der Arbeit zu helfen. Das Konsistorium in Aurich war mit dieser Umwandlung der 1641 festgelegten Naturalabgabe in eine Arbeitsleistung seitens der Warfsleute nicht einverstanden und ordnete am 15. Juni 1729 an, bei der Lieferung eines Bundes Flachs zu bleiben. Trotzdem vereinbarte auch der derzeitige Pastor zu Weene, Gerhard Friedrich Cohlmeyer, in demselben Jahr mit seiner Gemeinde, allerdings nur für sich und ausdrücklich nicht für seine Nachfolger, „daß jeder Warffsman, der kein interessent dieser gemeinde ist, er besitze einen eigenen Warff oder brauche ihn heuerlich, und ein jeder Taglöhner, er wohne bey einem Hauß- oder Warffsman im Hauße, /denn keiner den andern frey halten kann, sondern eine jede Familie für sich selbst einstehet und nicht für einen andern/ einen Tag im Jahr für mich arbeiten muß, es sey in meinem Garten oder im Torff-Morast oder in der Mede oder sonst, wenmehr und wo ich’s begehre. Wer den tag nicht arbeitet, da er bestellt, muß sein bund Flachß erlegen. Diejenigen aber, so zur Arbeit nicht bestellt werden, geben den Taglohn an Geld, gemeiniglich 3 Schaf. Frauen arbeiten einen und einen halben Tag.“

Angefügt wurde ein namentliches Verzeichnis der Warfsleute und Tagelöhner von 1729, die dem Weener Prediger gegenüber zu der genannten Leistung verpflichtet waren. Es waren 35 Personen aus Schirum (mit Hesenbrook), 2 aus dem Orte Weene, 6 aus Ostersander und 10 aus Westersander, also insgesamt 53 Warfsleute und Tagelöhner.

Jeder Eingesessene auf dem Lübbertsfehn hatte laut der Aufstellung von 1672 dem Pastor zu Weene jährlich zu Michaelis (29. September) die Summe von 7 Schaf zu zahlen. Im Vergleich zu diesem Fehn muss „auf den Hüllen“ die Armut zu dieser Zeit noch recht groß gewesen sein. Von den dortigen Einwohnern gab „Jeder der deß Vermögens ist“ jährlich 6 Schaf an den Prediger, wobei Christoph Friedrich Flesner vermerkte, dass einige Arme nicht zahlten. Der Unterschied zwischen den beiden Orten ist später aufgehoben worden. Pastor Cohlmeyer notierte 1729, dass jede Haushaltung auf dem Lübbertsfehn und auf dem Hüllenerfehn jährlich 7 Schaf an den Prediger zu Weene zu entrichten habe.

Nach der Säkularisation des Klosters Ihlow 1529 wurde das Gut Ihlow nach Weene eingepfarrt und damit war der ostfriesische Graf oder später Fürst Interessent der Kirchengemeinde Weene, ohne dass allerdings im Regelfall vom Stimmrecht Gebrauch gemacht wurde. Das Jagdhaus und die dazugehörigen Gebäude wie das Schatthaus wurden in den späteren Jahrhunderten in Erbpacht vergeben. Die an den Prediger zu Weene als zuständigem Pfarrherrn von den Pächtern zu entrichteten Leistungen scheinen unklar geregelt bzw. strittig gewesen zu sein. Anlässlich der Visitation von 1672 hieß es zur Schuldigkeit der Domäne Ihlow: „Da pfleget der Prediger ein par Schweine in der mastung zu haben, wie wohl eß alle Jahre nicht angeht.“ Pastor Cohlmeyer notierte 1729: „ Von dem Kloster Ihlau hat man uns leider die schuldige Gerechtigkeit einer halben Tonne Rocken auch abgeschnitten und sollen die Kloster-Leute frey seyn, ob sie gleich an unsern Kirchengütern gleich andern Theil nehmen.“

Der Küster und Schulmeister zu Weene fertigte im Jahre 1682 eine Aufstellung seiner Einkünfte an. Danach erhielt er jährlich zu Michaelis aus Schirum 21 ½, aus Ostersander 10 ½ und aus Westersander 14 schwere Bund Flachs. Diese Abgaben waren von den Herdbesitzern der drei Dörfer zu leisten, wobei halbe Herde teilweise voll pflichtig waren. Von jedem Herd erhielt der Küster zusätzlich „drei boten hart flaß“, wofür er Tauwerk und Schmieröl für die Glocken beschaffen musste (20 Flachsboten = ein Bund). Von den Einwohnern in Lübbertsfehn und Hüllenerfehn bekam der Küster jeweils 3 Schaf.

Die Pastorei galt als ein Herd der Gemeinde Ostersander und daher hatte der Prediger zu Weene das volle Recht, auf der Brookweide zu Ostersander seine Pferde und sein Vieh zu weiden; sein Jungvieh wurde allerdings von der Schirumer Kommune geweidet. Der Küster hatte das Weiderecht auf der Brookweide nur gemäß einem halben Herd.

Zusätzlich zu diesen Angaben erhielt der Pastor so genannte Stolgebühren, d.h. Gebühren für seine Amtshandlungen (wie Taufe, Trauung, Beerdigung, Austeilung des Abendmahls usw.), die je nach der rechtlichen Position des Gemeindemitglieds genau festgelegt waren. In einigen Fällen mussten auch Beträge an den Küster, Schullehrer und Organisten gezahlt werden.

Die in den Verzeichnissen von 1672 bzw. 1682 genannten Abgabenleistungen blieben in den folgenden Jahrhunderten im Wesentlichen gleich. Im Jahre 1774 wurden durch einen Vergleich des Pastors mit der Gemeinde allerdings die Arbeitsleistungen endgültig abgeschafft; jeder Warfsmann, Einlieger oder Tagelöhner in der „Alten Gemeinde“ mussten stattdessen jährlich 112 Stüber (= 6 Schaf) an den Pastor zu Weene zahlen. Von jeder Haushaltung in der „Neunen Gemeinde“, d.h. in Lübbertsfehn und Hüllenerfehn soweit seit 1836 auch in Ludwigsdorf, erhielt er 14 Stüber bzw. 7 Schaf. Diese Geldzahlungen waren jeweils um Michaelis zu entrichten, daher wurden sie auch als Michaelisgefälle bezeichnet. Die Michaelisgefälle an den Küster aus der „Neuen Gemeinde“ beliefen sich auf die Hälfte, nämlich 7 Stüber pro Haushalt.

Von den Interessenten der Kirchengemeinde erhielt der Prediger zu Weene Naturalabgaben. Der Roggen wurde am Martiniabend geliefert, die Butterlieferung geschah am Johannistage (24. Juni). Die Abgabe der Naturalgefälle an den Küster, nämlich die Flachslieferung, fand in der Michaeliswoche statt. An den Lieferungstagen mussten sich der Pastor bzw. der Küster erkenntlich zeigen und die Gesellschaft der Abliefernden bewirten.

Den Männern, die den Roggen ablieferten, wurde insgesamt eine Tonne Bier (d.h. 200 Liter) ausgeschenkt, wofür sie sich gewöhnlich dadurch bedankten, dass sie Übermaß lieferten. Den Erinnerungen des Schirumers Jann Berghaus zufolge wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu wohl auch Tabak gereicht, der in langen tönernen Pfeifen geraucht wurde.

Am Nachmittag des 24. Juni versammelten sich die Frauen der Interessenten in der Pastorei zur Besichtigung der abgelieferten Butter, die bereits am Vormittag in Molden dorthin getragen worden war. Jede Butterlieferung wurde mit dem zugehörigen Namen gekennzeichnet, so dass zum Vorteil des Pastors ein regelrechter Wettstreit um die Qualität entstand. Nach der Besichtigung erhielten die Frauen eine Mahlzeit, und zwar, wie Jann Berghaus erzählt, „bestehend aus Reis und Milch – Reisbrei – mit Zucker und Zimt bestreut und dazu Weißbrot und Butter.“ Für diese Bewirtung wurden über die vorgeschriebenen Mengen hinaus einige Pfund Butter gesondert geliefert.

Der Küster bewirtete diejenigen Interessenten, die ihm am vereinbarten Tage in der Michaeliswoche den Flachs brachten, mit einer so genannten „kalten Schale“ und einer Tonne Bier, wofür allerdings jede Person ¼ Bund Flachs mehr gab. Außerdem erhielt der Küster seit dem 18. Jahrhundert zusätzlich von jedem Herdbesitzer 5 Flachsboten und von jedem Warfsmann 3 Flachsboten zur Beschaffung von Stricken und Schmieröl für die Glocken. Für die Erhöhung der Abgabenleistung musste er täglich das Mittagsläuten mit der kleinen Glocke besorgen.

Um 1900 ist allmählich an die Stelle der Naturallieferung die Zahlung des Geldwertes getreten. Die jeweiligen Mengen an Naturalien wurden danach zu den aktuellen Preisen in Geldbeträge umgerechnet. Dabei wurden dann sogar die Kosten für die Bewirtung abgerechnet. Das Geld wurde zu den fälligen Terminen von den Kirchenvorstehern oder auch anderen Personen eingesammelt, die dafür aus der Pfarrkasse bzw. Küstereikasse eine Aufwandentschädigung erhielten.

Seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts weigerten sich viele Gemeindemitglieder, das Michaelisgefälle zu zahlen. Für die Nachbargemeinde Wiesens war 1936 in der gleichen Sache beim Amtsgericht Aurich entschieden worden, dass für Häuser, die nach 1900 gebaut waren, diese Lasten nicht mehr selten sollten. Der Kirchenvorstand in Weene beschloss am 30.11.1937 ebenfalls, von den nach 1900 gebauten Häusern das Gefälle nicht mehr einzuziehen. In der ganzen Gemeinde fiel damit ab 1937 für 115 Häuser das Michaelisgefälle fort, es blieben 174 zahlungspflichtige Haushalte.

Im 18. und 19. Jahrhundert war es üblich, den Pastor zu Amtshandlungen im Hause sowohl in der „Alten Gemeinde als auch auf den Fehnen mit einem Wagen oder mit einem Pferd, je nach seiner Wahl, abholen und wieder zurückbringen zu lassen. Mit dem Aufkommen des Fahrrades entfiel dies, ohne dass dem Pastor dafür zunächst ein Ausgleich zuteil wurde. Durch Kirchenvorstandsbeschluss vom 29. Mai 1934 wurde für eigene Dienstfahrten des Pastors eine Entschädigung von 5 Pf je km aus der Kirchenkasse festgesetzt.

Beim Bau neuer Gebäude seitens der Kirchengemeinde oder im Falle von Reparaturarbeiten an Gebäuden im Kirchenbesitz, insbesondere der Kirche selbst, mussten die Warfsleute des Kirchspiels unentgeltlich so genannte Handdienste leisten, wozu z. B. das Tragen und Zulangen von Steinen und das Graben von Lehm oder Sand gehörten. Die Herdbesitzer oder Interessenten hatten so genannte Spanndienste zu verrichten, d.h. mit Pferdewagen den Transport von benötigten Materialien wie Steinen, Kalk, Holz, Sand usw. zu besorgen.

Im Zusammenhang mit den Einkünften des Pastors und des Küsters ist festzuhalten, dass deren Vermögen sowie Einnahmen und Ausgaben jeweils in gesonderten Kassen verwaltet wurden. Davon getrennt gab es die Kirchenkasse, in die die Einkünfte der Kirche selbst sowie auch Spenden und Gelder aus außerordentlichen Hebungen bzw. Umlagen eingingen, aus der aber auch die Kosten für die bauliche Unterhaltung des Gebäudebestandes und die Innenausstattung entnommen wurden. Diese Kasse wurde von den beiden Kirchenvorstehern verwaltet, die jeweils für drei Jahre aus dem Kreise der Interessenten gewählt wurden. Einer der beiden war in der Regel der buchhaltende Kirchenvorsteher, bisweilen auch Kirchvogt benannt. In manchen älteren Urkunden wurden die Kirchenvorsteher als Kirchgeschworene bzw. Juraten oder als „Hilgemannen“ bezeichnet. Diese gewählten Vertreter der Gemeinde und nicht etwa der Pastor, wachten über die Einnahmen und Ausgaben der Kirchenkasse und hatten für die Richtigkeit der Kirchenrechnung, die bei Visitation dem Generalsuperintendenten in Aurich oder später dem Kircheninspektor vorzulegen war, geradezustehen. Die Weener Armenkasse wurde gesondert von zwei ebenfalls durch die Interessenten gewählten Armenvorstehern verwaltet.

 

Ausstattung der Kirche und Bautätigkeit um 1700

Nach dem Tod des Pastors Gerhard Flesner am 6. Mai 1671 berief die Gemeinde seinen Sohn Christoph Friedrich Flesner von Potshausen, wo er seit etwa 1662 als Seelsorger tätig war, nach Weene. Christoph Friedrich Flesner war am 7. August 1630 in Friedeburg geboren worden, hatte eine weiterführende Schulbildung in Jever, Aurich und Osnabrück erhalten und schließlich drei Jahre in Rinteln Theologie studiert. Er war verheiratet mit Anna Catarina Windhorns, die am 22. September 1677 im Alter von 50 Jahren in Weene starb. Einer der Söhne aus dieser Ehe, Julius Joachim Flesner, wurde 1685 Pastor in Potshausen, verstarb jedoch schon 1693 im Alter von nur 33 Jahren.

Christoph Friedrich Flesner führte bald nach seinem Dienstantritt die Kirchenbücher in Weene ein. Einer der Eintragungen im Kirchenrechnungsbuch zufolge wurde im Sommer 1672 für 2 Gulden „ein Schreibbuch“ angeschafft, in dem ab diesem Zeitpunkt zunächst alle Taufen und Trauungen, ab 1684 (zunächst allerdings nur lückenhaft) auch die Beerdigungen registriert wurden. Die Namen der Kinder, die von Pastor Flesner getauft wurden, „ehe dieß Buch Verfertiget war“, sind von ihm später nachgetragen worden.

In der Amtszeit dieses Pastors scheint es den Menschen in der Kirchengemeinde Weene – inzwischen einige Jahrzehnte nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) – finanziell recht gut gegangen zu sein, wie die große Zahl der Anschaffungen in den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts zeigt.

Im Jahre 1683 wurde von der Gemeinde ein neues Kirchengestühl angeschafft. Der „Wehldreyer“ (Drechsler) Gert Janssen aus Ostersander fertigte die Knäufe auf dem Gestühl an. Die folgenden kostspieligeren Anschaffungen konnten nicht mehr ohne eine Spendensammlung in der Gemeinde finanziert werden.

Am 23. November 1688 fertigte Pastor Flesner ein Verzeichnis der Beiträge an, die „auß freygebigem Hertzen zum Newen Predigt-Stuel“ von namentlich genannten Personen der „Alten Gemeinde“ zugesagt worden waren. Um Christi Himmelfahrt 1689 wurde dann die Kanzel, die heute noch vorhanden ist, in der Kirche zu Weene aufgerichtet und befestigt. Die erste Predigt zu ihrer Einweihung hielt Pastor Christoph Friedrich Flesner am 1. September 1689 (14. Sonntag nach Trinitatis) über das Evangelium von den zehn Aussätzigen. Die Kanzel besitzt eine Schalldecke. Um den Kanzelkorb herum sind fünf kleine holzgeschnitzte Figuren angebracht, die unter anderem die vier Evangelisten darstellen und angeblich aus dem Kloster Ihlow stammen sollen. Dem Stil der Kanzeln nach zu urteilen könnte sie von Frerick Alberts stammen, der die vergleichbare Kanzel zu Bingum geschaffen hat.

Es scheint, dass Pastor Christoph Friedrich Flesner die Ausstattung der Weener Kirche mit viel Engagement gefördert hat, um den Gottesdienst zu bereichern. Als Entsprechung zur Kanzel für die Predigt des Pastors entstand auch das Interesse der Gemeinde an einer Orgel zur Unterstützung des Gemeindegesangs, beides zentrale Elemente im lutherischen Gottesdienst gerade in der Zeit des Barocks.

Daher wurde in demselben Jahre eine Orgel von der Gemeinde bestellt. Bevor sie in der Kirche aufgebaut werden konnte, musste die Errichtung des Orgelbodens erfolgen, die noch 1689 von Meister Henrich Schnitger vorgenommen wurde. Die erste Orgel, die 1691 in der Kirche aufgebaut wurde, scheint aber nicht von guter Qualität gewesen oder nicht sorgfältig behandelt worden zu sein, denn 1699 musste bereits ein neues Instrument gekauft werden, für dessen Anschaffung die Gemeinde erneut Spenden aufbrachte. Die Vorderansicht der Orgelempore wurde 1696 von dem Fähnrich Lübbe Ecken zu Aurich mit Bildern von Christus und den Aposteln geschmückt, die jetzt noch vorhanden sind.

1693 wurde ein neuer großer Messingkronleuchter für die Kirche in Weene angefertigt, wozu der fürstliche Hof in Aurich mit 42 Reichstalern eine ansehnliche Summe, fast den gesamten Anschaffungspreis, beisteuerte. Pastor Christoph Friedrich Flesner stiftete in dieser Zeit zwei Kronleuchter aus Messing, von denen der eine 23 Reichstaler gekostet hat. Er hat also für die Ausstattung und Verschönerung des Weener Gotteshauses nicht nur zu Spenden aufgerufen, sondern selbst anerkennenswerte Beträge beigesteuert. Im Februar 1698 sagte er der Gemeinde für die neue Orgel 27 Gulden „Zu Gottes Ehr“  und „löblichem Werk“ zu. Er verstarb nach gut 27 Amtsjahren am 16. Dezember 1698 in Weene.

Zu seinem Nachfolger wurde Engelbert Conerus (Coners) gewählt, der in seinem Antrittsgottesdienst am Ostersonntag 1699 zugleich die neue Orgel einweihte. Seine offizielle Einführung durch den Generalsuperintendenten und die fürstlichen Beamten fand am Pfingstdienstag, dem 30. Mai 1699, im Rahmen der Visitation der Gemeinde Weene statt. Der neue Pastor war ein gebildeter und weitgereister Mann, wie sein Lebenslauf ausweist. Engelbert Conerus wurde am 30. Juni 1670 in Buttforde als Sohn des dortigen Pastors Johann Conerus geboren. Nachdem er zunächst von Privatlehrern unterrichtet worden war, besuchte er anschließend die Lateinschule zu Norden. Er studierte zwei Jahre an der Universität Kiel Theologie und hielt sich danach drei Jahre zu Studienzwecken in Königsberg auf. Schließlich ging er als Hofmeister mit einem schwedischen Grafen Horn nach Stockholm, durchwanderte mit ihm einige Länder und kam wieder in seine Heimat zurück, wo er in Weene sein erstes Gemeindeamt antrat.

Bei der Visitation am 30. Mai 1699 mahnte der Auricher Generalsuperintendent Heinson an, dass die Pastorei, die als „schon ziemlich verfallen“ bezeichnet wurde, ausgebessert werden müsste. Da die Schäden so groß waren, entschied sich die Gemeinde für einen Neubau, mit dem man zu Ostern 1707 begann. Bei dieser Gelegenheit wurden zugleich auch Ausbesserungsarbeiten an der Küsterei vorgenommen. Zur Finanzierung wurde zunächst am 25. Mai 1707 eine allgemeine Umlage in Höhe von einem Reichstaler (umgerechnet 2 Gulden 7 Schaf) von jedem Herdbesitzer in der „Alten Gemeinde“ bewilligt. Am Ende des Jahres sollte jeder Interessent in Schirum, Ostersander und Westersander noch einmal 2 Gulden zahlen. An freiwilligen Spenden gingen 1708 noch beachtliche Geldbeträge aus Lübbertsfehn ein.

Der derzeitige Kirchvogt der Gemeinde Weene, Johann Saathoff aus Westersander, schrieb 1707 an den ostfriesischen Fürsten als „einen und zware größesten Interessenten wegen des Guthes Ihlaw“ und bat um eine beliebige Beisteuer zum Bau der neuen Pastorei, deren Finanzierung „der Gemeine zu Wehnen alleine fast Zuschwer fallen würde“. Im Kirchenrechnungsbuch ist allerdings in den Jahren 1707 und 1708 keine Zahlung des fürstlichen Hofes unter den Eingängen verzeichnet. Vermutlich ist also von dieser Seite keine finanzielle Unterstützung erfolgt. Die Pastorei wurde als etwas größeres ostfriesisches Bauernhaus erbaut. Sie bestand aus „einem mittelmäßigen Saale, ordentlicher Studierstube, 2 Küchen und 2 kleinen Stuben“. Daneben gab es einen „schlechten Keller“. Die Scheune war ziemlich geräumig. Nordwestlich von der Pastorei wurde etwa 1733 noch eine Torfscheune gebaut.

 

Die Pastoren der Kirchengemeinde Weene:

 

Priester Albert
(genannt 1438 und 1441)

Priester Wilhelm
(genannt 1499)

Henricus Cruse
(genannt 1543 und 1545)

Siebrand Stelling
(genannt 1564 und 1565)

Johann Drentwede
(1590-1597)

Jacob Drentwede
(1598-1611)

Arnold Wesseling
(1611-1625)

Johann Ruvius
(1625-1634)

Gerhard Flesner
(1634-1671)

Christoph Friedrich Flesner
(1671-1698)

Engelbert Conerus
(1699-1726)

Gerhard Friedrich Cohlmeyer
(1726-1762)

Engelbert Conerus
(1762-1779)

Peter Friedrich Reershemius
(1779-1805)

Meeno Hinrichs
(1805-1814)

Heinrich Frerich Backer
(1815-1837)

Johann Heinrich Schmertmann
(1839-1849)

Hinricus Jacobus Fischer
(1849-1886)

Heinrich Theodor Friedrich Linnemann
(1887-1896)

Christoph Bernhard Schomerus
(1897-1912)

Hermann Johann Julius Taaks
(1912-1927)

Friedrich Heinrich Karl Ohlmer
(1929-1954)

Luitjen Janßen
(1955-1977)

Wolfgang Hubbe
(1981-1995)

Kurt Booms
(seit 1997)